Das Phänomen Jodel

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Das Phänomen Jodel

Als Alpenvorländer habe ich unter dem Begriff „Jodel“ lange Zeit an trachtentragende Bergeremiten gedacht, die sich – auf Grund fehlenden Mobilfunkempfangs – mit indianerähnlichen Lauten verständigen. Vor einigen Wochen wurde ich eines Besseren belehrt. Heute möchte ich Euch eine App vorstellen, die Medienwissenschaftler zum Grübeln bringt, oder besser: Bringen sollte…

Noch bis vor ein paar Wochen hatte ich eine klare Reihenfolge, welche Apps ich morgens öffne, um für den Tag gewappnet zu sein: Spiegel Online, Facebook, die Wetter-App. Nun haben sich die Prioritäten etwas verschoben und das für eine App, die gerade deutsche Universitäts- und Hochschulstädte erobert: Jodel.

Wie funktioniert Jodel?

Jodel greift das Twitter-Modell einer Timeline mit Kurznachrichten auf. Diese können kommentiert, durch Upvotes belohnt oder durch Downvotes bestraft werden. Auch Bilder sind möglich. Der Clou dabei: Es geschieht alles zu 100% anonym. Nach dem Download der App muss man sich nirgendwo registrieren und noch nicht mal einen Namen angeben. Der Radius von 10 Kilometern, in dem man Jodel lesen kann, rundet das Ganze ab und schafft kleine, lokale Communities. So findet man auf Jodel Insiderwitze, die nur die Jodler vor Ort verstehen – und auch nur, wenn sie die App regelmäßig nutzen. Der Ansporn für die User dahinter: Je mehr anderen Leuten die eigenen Jodel gefallen, desto mehr Karma sammelt man dabei – also quasi eine Nettigkeits-Währung. Wenn die eigenen Jodel negativ bewertet werden, kann man dabei auch Karma verlieren.

Ein Netzwerk ohne Regeln?

Nach dieser Beschreibung könnte man denken, dass ein komplett anonymes Netzwerk schnell mit Penisbildern, Werbebotschaften und Hasstiraden überschwemmt wird, doch weit gefehlt:
Durch das Up- und Downvote System regulieren die User die Beiträge selbst. So ist ein Beitrag, nachdem er ein Ranking von -5 erhalten hat, automatisch nicht mehr in der regionalen Timeline. Bilder werden durch Moderatoren geprüft, die auch Teil der örtlichen Community sind, so dass keine anstößigen oder jugendgefährdenden Inhalte erscheinen.

Die Community ist auch ansonsten sehr selbstregulatorisch. Dies sieht man auch am sogenannten Sex-Talk, der sich auf Jodel Nachts etabliert hat, also explizite Inhalte in Textform. Diese werden von der Community erst ab 22:00 geduldet; und vorher rigoros gemeldet und downgevoted.

Ein ganz normaler Tag auf Jodel

Da sonst kaum Regulationen vorhanden sind, kann man die verschiedensten Beiträge auf Jodel entdecken. Ein normaler Samstag (oder Sonntag) beginnt meistens mit „Oh je, ich bin so verkatert“ -Meldungen. Zwischendurch sieht man das ein oder andere Katzenbild, gepaart mit Fragen von Kommilitonen, was denn gerade in der Vorlesung XY passiert ist. Solche Meldungen finden aber oft ihren schnellen Tod durch die Downvotes der Community.

Schon besser kommen lustige Begebenheiten oder Informationen an, die Jodler wirklich interessieren, die Stadtkultur wieder geben oder von der Jodel-Community als amüsant angesehen werden. Hierbei ist aber auch zu beachten, dass Humor regionalen und kulturellen Unterschieden ausgesetzt ist.

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Trifft man den Geschmack der Jodler in seiner Umgebung, werden Jodel erfolgreich.

Mit Jodel Menschen kennen lernen

Obwohl die App sehr anonym ist – oder gerade deswegen – kann sie dabei helfen, neue Menschen kennen zu lernen. Dies ist allerdings gar nicht so einfach: Es gibt keine Benutzernamen, dadurch keine eindeutigen Accounts und eine Nachrichtenfunktion sowieso nicht. Übrig bleiben geselligen Jodlern somit nur zwei Alternativen:

  1. Über den anonymen Messenger „KIK“ schreiben
  2. Sich auf gut Glück verabreden

Letzteres genießen manche Jodler mit großer Vorsicht, denn es kann schon mal vorkommen, dass man sich mit einem Jodler treffen möchte und dieser nicht auftaucht.

Die Macht der Masse

Jodel ist ein Paradebeispiel für die Macht der Vielen, der Crowd. Und es verstecken sich so viele Aspekte darin.

Crowd-Sourcing:

Viele haben beim Terminus „Sourcing“ sofort finanzielle Aspekte im Kopf. Dabei steht beim Sourcing jede Art von „Gut“ im Vordergrund, und vereint somit Crowd-Funding, -working und -wisdom unter einem Begriff. Ein Aspekt, an den man selten dabei denkt, ist der der Content Creation. Nichts Anderes verbirgt sich im eigentlichen Sinne hinter dem Begriff „Web 2.0“: User generated content.
Jodel nutzt das Bedürfnis der Menschen, sich mitzuteilen und anderen zu helfen, wodurch der Content der App entsteht. Von den Entwicklern hört man nur in sehr wenigen Fällen etwas.

Crowd-Wisdom:

Frag und es wird Dir geantwortet. Meistens zumindest. Jodler helfen sich untereinander, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Es gilt beispielsweise als selbstverständlich, anderen Jodlern oberflächliche oder allgemeine Informationen zu Stadt und Uni zu geben. Sind die Antworten allerdings an anderen Stellen (Google, Fachstudienberatung, etc.) zu finden, werden die Urheber dieser fragen darauf hin verwiesen – und downgevoted.

Crowd-Administration:

In der Standardliteratur ist dieser Begriff nicht zu finden, sollte aber – spätestens für Jodel – beachtet werden. Bei Jodel urteilt die Community darüber, was sie lesen möchte und was weniger. Sie kann auch einzelne Meldungen soweit herab werten, dass diese komplett aus der Timeline aller Jodler verschwinden. Außerdem kümmert sich ein Team aus Administratoren, die aus der Community kommen, um die Verfehlungen der User.

Als spannendes Buch zum Thema „Crowd-Sourcing“ kann ich übrigens Die Weisheit der Vielen empfehlen. Es bietet auf wissenschaftlicher Basis gute Einblicke dazu, ohne Trocken zu wirken. Viele Beispiele und eine kurzweilige Sprache runden das Buch ab.

Fazit

Sollte man eigentlich meinen, dass die Anonymität des Internets ein Konzept wie Jodel im Chaos enden lässt, so wird man enttäuscht, denn: Jodel ist eine Community mit ungeschriebenen Regeln, Grundwerten und Kommunikationsstandards. Dabei schafft sie es, sich weitestgehend selbst zu verwalten. Andere Netzwerke, in denen der User weniger Verantwortung trägt, sind bei weitem nicht so „gut erzogen“ wie Jodel. Dies beobachtet man gerade bei Facebook, wobei hier natürlich auch die Größe und Zielgruppe des Netzwerkes eine Rolle spielt. Vielleicht ist aber gerade das Konzept Jodel für kommende Netzwerke eine Chance und auch irgendwo zukunftsweisend: Weg von firmengelenkten Netzwerken, hin zu selbstregulierenden Communities.

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